Vor dem Fenster strahlt eine Straßenlaterne. Der Wecker zeigt 22:53.
Karl schlägt die Bettdecke zurück. Darunter ist er angezogen. Unter dem Türspalt sieht man das Licht ausgehen. Er steht auf, holt den Rucksack unter seinem Bett hervor, setzt ihn auf, geht zur Türe und lauscht: Stille.
Seine Hand legt sich auf die Türklinke, drückt sie langsam nieder, öffnet sie ein Stück. Der Gang ist dunkel, wird nur von einem fernen Licht aus dem Seitengang erhellt.
Da: Stimmen! Ein Schatten im Seitengang! Karl bleibt wie erstarrt stehen und hält sogar den Atem an.
Der Schatten geht wieder.
Erleichtert atmet er auf.
Leise den Gang entlang zum Aufzug.
Nun komm schon! Der Aufzug braucht ewig. Karl lässt den beleuchteten Seitengang nicht aus den Augen.
Der Aufzug kommt. Er geht rückwärts hinein, fährt hinab.
Mit einem Bing kommt der Aufzug zum stehen. Die Türen öffnen sich langsam.
Karl drückt sich an die Wand. Doch der Gang vor ihm ist leer und dunkel.
Schnell eilt er hinaus, leise, rechts, links. Das Büro.
Seine Hand öffnet langsam die Türe. Darin ist es dunkel.
In einer Schublade findet er den Schlüssel zum Schrank. Dort, im oberen Regal, liegt der blaue Schlüssel. Er nimmt ihn un schließt wieder zu, will gerade den Schlüssel wieder in die Schublade legen als…
Schritte! Vor der Tür!
Das Licht im Gang geht an!
Karl versteckt sich hinterm Schrank.
Die Schritte sind ganz nahe an der Tür!
Die Tür wird zugedrückt. Die Person geht weiter.
Karl lauscht: Die Schritte sind auf dem Weg zur Toilette.
Er wartet.
Toilettenspülung. Der Mensch kommt heraus, geht am Büro vorbei… Karl hält den Atem an.
Die Schritte entfernen sich.
Karl wartet, bis das Licht unter dem Türspalt erloschen ist.
Langsam öffnet er die Türe. Lauscht. Stille.
Um die Ecke, links. Den blauen Schlüssel wie einen Schatz umklammert eilt er so leise wie möglich die Feuertreppe hinunter.
Er durchquert die Wäschekammer bis zu einer unscheinbaren, weißen Tür. Er steckt den blauen Schlüssel hinein.
Das Licht geht an. Er schreckt herum.
Hinter ihm steht Berta, die Putzfrau mit den roten Haaren. Ganz erschrocken blickt sie ihn an. Karl ist unfähig, sich zu rühren. Dann verändert sich Bertas Blick. Sie lächelt, legt den Finger auf die Lippen und dreht sich weg, als hätte sie nichts bemerkt.
Karl dreht den Schlüssel rum, öffnet die Tür und noch bevor sich die Türe geschlossen hat, ist es drinnen wieder dunkel und Karl verschwindet in der Nacht.
Einige dunkle, schmale Gassen, ein paar Straßenlaternen beleuchten seinen Weg. Einige Nachtschwärmer in der Ferne.
Karl wartet an einer Häuserecke, bis die Straßenbahn kommt.
Er läuft hinein, setzt sich auf einen Platz. Die Straßenbahn ist fast leer. Seinen Rucksack hat er wie einen Schatz umklammert.
Eine Frau, zwei Plätze weiter, dreht sich um. Sie wirft ihm einen misstrauischen Blick zu. Dann dreht sie sich wieder weg. Ein junges Mädchen spielt mit ihrem Handy. Sie blickt auf, sieht ihn komisch an, senkt wieder ihren Blick.
Wenige Menschen steigen ein, mehr Menschen steigen aus. Zum Schluss ist er fast alleine.
Er steigt aus.
Die Straßenbahn fährt weiter.
Er steht alleine an der Haltestelle und wendet sich zum gehen.
Ein langer Weg, eine leere Straße. Schwaches, künstliches Laternenlicht erhellt den Weg. Große Gebäude, Fabriken, schäbige Hallen, leere Parkplätze. Hin und wieder ein paar Werbeplakate. Nur selten fährt ein Auto vorbei. Sonst hört er nur seine Schritte und seinen Atem.
Schließlich biegt er rechts ab, geht über einen Parkplatz, auf dem vereinzelte Autos stehen, zu einem gelben Haus. Zwei automatische Türen öffnen sich. Drinnen flammt das Licht auf. Von der plötzlichen Helligkeit geblendet eilt er weiter zur Feuertreppe, eilt hinauf. Erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock.
Er sieht auf seine Armbanduhr: 23:55.
Er betritt einen Gang, bleibt vor einer Glastür stehen. Sieht auf die Uhr. Wartet. Sieht auf die Uhr.
Mitternacht.
Er klopft.
Nichts rührt sich.
Er wartet, klopft noch einmal.
Dann geht die Tür auf.
Natalie sitzt im Rollstuhl und öffnet ihm. Ein breites Strahlen erhellt ihr Gesicht.
Dann geht im Flur das Licht an.
Natalie fährt herum, flüstert noch: “Warte kurz!”, ehe sie die Tür schließt. Karl sieht sie einige Meter vorfahren.
“Natalie, was machst du da?”, fragt eine bekannte, weibliche Stimme.
“Ich musste aufs Klo”, lügt sie.
“Du weißt doch, dass du nicht aufs Betreuer-WC sollst!”, mahnt die Stimme. “Es ist mitten in der Nacht, ab ins Bett!”
Karl sieht, wie Maria an den Rollstuhl heran tritt und ihn wegschiebt. Natalie dreht sich noch einmal kurz um, dann ist sie weg.
Karl sieht ihr noch nach, als sie aus dem Blickfeld verschwunden sind.
Dann kommt Maria zurück. Karl duckt sich weg.
Die Tür geht auf.
“Soso, wen haben wir denn hier?”, fragt Maria, die Hände in die Hüften gestemmt.
Karl sitzt zusammengekauert auf dem Boden. Maria betrachtet ihn länger. Sie denkt bestimmt: Ach, diese Downies, machen nur Probleme.
Karl macht ein flehendes Gesicht.
“Du weißt, dass ich eigentlich deine Gruppe informieren müsste. Dich mitten in der Nacht wegzustehlen…!” Sie seufzt. “Na gut, komm rein. Aber nur, weil Natalie heute Geburtstag hat!”
Karl lässt es sich nicht 2x sagen. Er läuft los in Natalies Zimmer. Diese sitzt noch im Rollstuhl.
“Karl!”, ruft sie glücklich.
Die beiden fallen sich in die Arme.
“Alles gute zum Geburtstag”, sagt er. Als sie sich wieder lösen öffnet er den Rucksack und holt etwas heraus. “Ich habe ein kleines Geschenk für dich”, sagt er.
“Aber Karl, du bist doch das schönste Geschenk!”
Maria legt auf, verdreht lächelnd die Augen. Ein Blick auf die Uhr: Es ist 0:16.
Leise geht sie zu Natalies Zimmer. Sie lauscht. Alles ist still.
Ganz leise öffnet sie die Tür und späht hinein.
Eng zusammengekuschelt liegen die beiden im Bett und schlafen.
Der Lichtschein fällt auf den Nachttisch, auf dem ein neues, gerahmtes Foto der beiden steht. Der Lichtschein wird kleiner und mit einem klacken schließt sich die Tür.
